Das große Interview mit Vika und Etienne 26-30

 In Allgemein

Hattest du schon mal eine Nahtoderfahrung?

(26. September)

Etienne: Wann sollten wir noch mal die Frage beantworten, ob wir von anderen Menschen enttäuscht sind?

Vika: Das war am 11. September. Warum?

Etienne: Ich möchte meine Antwort korrigieren. Ich bin von Alizée enttäuscht. Immer wieder. Sie hat mir die Frage nach den Peinlichkeiten erspart, aber das eben war derartig geschmacklos, da fehlen mir die Worte.

Vika: Ein paar Leser*innen werden sich wahrscheinlich amüsieren.

Etienne: Auf meine Kosten.

Vika: Quatsch. Über die Irrungen und Wirrungen des Lebens, die an deinem Beispiel so schön exemplarisch werden.

Etienne: Na toll …

Vika: Jedenfalls möchte sie jetzt wissen, ob du schon mal eine Nahtoderfahrung hattest. Und ich stelle fest, dass ich das auch gar nicht so genau weiß. Ich meine, du bist immerhin fast gestorben.

Etienne: Es war knapp. Aber ich habe ein starkes Herz. Es hat nie aufgehört zu schlagen. Die Ärzte haben gesagt, wenn ich nicht so ein Sportlerherz gehabt hätte, hätten sie mich mit Sicherheit ein, zweimal wiederbeleben müssen. Insofern habe ich auch kein magisches Licht gesehen. Ich hatte bloß wirre Morphiumträume, in denen ich durch die Lüftungsschlitze der Klimaanlage fliehen wollte. Falls das jemand als Metapher für mein Beinahe-Ableben interpretieren möchte …

Vika: Du hast überlebt. Das macht mich froh. Ich selbst war dem Tod noch nie besonders nah.

Etienne: Das klang neulich noch anders.

Vika: Ja, verdammt. Das Leben kann so schnell zu Ende sein. Wenn ich mir überlege, ich hätte damals …

Etienne: Sch-scht. Der Konjunktiv hat noch nie geholfen. Was machen wir jetzt? Wollen wir schlafen gehen oder uns erst noch eine Runde streiten?

Vika: Ich denke, die Antwort kennt nur Alizée …

Welchen Schmerz hast du nicht überwunden?

(27. September)

Alizée: Ach, hier bist du.

Etienne: Ist ja komplett verwunderlich, dass ich nachts in der Karateschule bin und den Sandsack verprügle.

Alizée: Wo ist Vika?

Etienne: Scheiße, wenn DU das nicht weißt? Woher soll ich …??

Alizée: Sie hat sich plötzlich verselbständigt …

Etienne: Ich HASSE dich! Du hast schon einmal mein Leben ruiniert, damit ich einen „interessanten“ Protagonisten abgebe. Du findest es toll, dass ich stark bin, aber wenn du mich so magst, dann hör auf, mir alles kaputt zu machen, was mir wichtig ist!

Alizée: Also hast du Vika nicht gesehen…

Etienne: Natürlich habe ich sie nicht gesehen. Deshalb bin ich ja hier. Und ich sag dir mal was: Wenn du Vika nicht zurückbringst, werde ich aus deinen Scheißgeschichten verschwinden.

Alizée: Das kannst du nicht.

Etienne: Ich werde mich nicht zur Verfügung stellen, ständig jeden Schmerz auszuhalten, nur weil ich ein „starker Protagonist“ bin! Ich denke, ich bin halbwegs damit klargekommen, dass ich nicht mehr laufen kann. Aber der Schmerz ist nach wie vor da. Auch weil mich der Unfall damals nicht allein betraf. Aber das war für dich alles nur Vorgeschichte. Jetzt geht es gerade so weiter und du nimmst mir weg, was mir am liebsten ist.

Alizée: Herrje! Vika ist weg. Vielleicht braucht sie einfach Abstand …

Etienne: Dein Ernst? Da waren wir. Das haben wir überwunden. Dachte ich. Plotte gefälligst vorher, so wie du immer sagst, dass du es tust. Dann gehen dir deine Protagonistinnen auch nicht plötzlich verloren.

Alizée: Und ihre Partner drehen nicht völlig am Rad …

Etienne: Spar dir deine geschmacklosen Anspielungen auf meinen Rollstuhl!

Alizée: Das war keine. Ich habe das gesagt, wie ich es zu jedem Fußgänger gesagt hätte.

Etienne: Ich bin aber nicht „jeder Fußgänger“! Aber ich verspreche dir, wenn du diese Sache nicht in Ordnung bringst, gehe ich zum Wunderdoktor, schlucke eine Pille und bin hinterher auf wundersame Weise wieder geheilt – und für dich uninteressant.

Alizée: Das ist doch vollkommen abwegig …

Etienne: Eben. Und jetzt verschwinde. An deinen Schreibtisch.

Was würdest du als deinen größten Erfolg bezeichnen?

(28. September)

Alizée: Hast du dich wieder beruhigt?

Etienne: Geht so.

Alizée: Vika geht es gut.

Etienne: Sie plant nur gerade ihr Leben ohne mich.

Alizée: Das stimmt nicht.

Etienne: Es fühlt sich aber so an.

Alizée: Du denkst immer an die schlimmste aller Möglichkeiten.

Etienne: Dann überleg mal, warum das wohl so ist.

Alizée: Lass uns über etwas anderes reden. Deinen größten Erfolg zum Beispiel. Und du darfst raten, was Vika als ihren größten Erfolg bezeichnet.

Etienne: Tolles Spiel.

Alizée: Also?

Etienne: Mein größter Erfolg ist, dass ich immer noch Karate unterrichten kann. Und dass ich bald einen Doktortitel haben werde.

Alizée: Was denkst du, was Vika gesagt hat?

Etienne: Dass sie stolz ist, Daniels Tod verkraftet zu haben.

Alizée: Das ist sie bestimmt. Aber ihr größter Erfolg ist, dass sie ihr Trauma überwunden hat. Und dabei hast du ihr geholfen.

Etienne: Ihr bringt mich zum Weinen. Werde ich sie wiedersehen?

Alizée: Das ist möglich. Aber das Wiedersehen wird dir nicht reichen, nehme ich an.

Etienne: Stimmt.

Wie stellst du dir deinen Lebensabend vor?

(29. September)

Vika: Alizée!

Alizée: Der Monat geht zu Ende. Ich bin wieder mitten im Manuskript.

Vika: Das habe ich gemerkt.

Alizée: Ich dachte, ich hätte alles fertig geplottet. Aber manchmal überholt einen die Fantasie und es ergeben sich unvorhergesehene Überraschungen.

Vika: Auch das habe ich gemerkt. Ich vermisse Etienne.

Alizée: Dann melde dich bei ihm.

Vika: Das ist nicht so einfach. Aber du bist hier sicherlich nicht aufgetaucht, ohne eine Frage stellen zu wollen.

Alizée: Wie gut du mich kennst … Ich wollte wissen, wie du dir deinen Lebensabend vorstellst.

Vika: Definitiv an Etiennes Seite. Ich möchte ihn alt werden sehen. Ich möchte, dass er mich alt werden sieht. Ich möchte, dass unser gegenseitiges Vertrauen weiter wächst und dass wir uns gegenseitig zu den besten Menschen machen, die wir sein können.

Alizée: Wo werdet ihr leben?

Vika: In einem barrierefreien Haus. So viel ist sicher. Aber wo das stehen wird, kann ich mir beim besten Willen nicht ausmalen. Vielleicht in Heidelberg. Vielleicht im Neckartal. Vielleicht ganz woanders.

Alizée: Wovon werdet ihr leben?

Vika: Ich werde einem regelmäßig bezahlten Job nachgehen. Vielleicht werde ich dabei meine Stimme benutzen. Vielleicht werde ich neue Fähigkeiten entwickeln, mit denen ich Geld verdienen kann. Etienne wird Karateschulen betreiben und mit eigenen Projekten Ruhm und Ehre einfahren. Die Google-Treffer zu seinem Namen werden Bewunderung hervorrufen, die zu mir zu mir werden informieren. Wir werden glücklich sein. Hoffentlich.

Alizée: Wie denkst du über Kinder?

Vika: Liegen Zwillingsgeburten nicht in Etiennes Familie? Ich habe mir immer eine Zwillingsschwester gewünscht und hätte große Lust, Zwillinge aufzuziehen. Etienne wäre bestimmt ein guter Vater und ein großartiges Vorbild. Und an unserem Lebensabend hätten wir dann Kinder und Enkelkinder um uns herum und alle würden sich über die breiten Türen, die Rampen und die Fußbodenheizung freuen.

Alizée: Happy End mit Fußbodenheizung. Warte, das muss ich notieren …

Wo siehst du dich in ein/fünf/zehn Jahren?

(30. September)

Alizée: Es war wirklich eine Challenge. 30 Tage. Jeden Tag eine Frage. Jeden Tag eine neue lila Kachel in meinem Instagram-Feed. Ich habe immer die Leute bewundert, die einen einheitlichen Feed haben, wo man sofort in der Timeline erkennt, welche Beiträge zu welchem Account gehören. Aber inzwischen ist alles lila und ich weiß nicht recht, ob mir das gefällt.

Etienne: Wenn die Farbe dein einziges Problem ist …

Alizée: Ich mache mir halt Gedanken.

Etienne: Du solltest lieber das Buch weiterschreiben. Es gibt zwei, drei Leute, die auf die Fortsetzung warten.

Alizée: Und wohin wird die führen? Also in einem Jahr, in fünf Jahren, in zehn? Wo siehst du dich dann?

Etienne: In einem Jahr: An der Seite von Vika. Und ansonsten: Zwischen zwei Buchdeckeln mit Verlagslogo.

Alizée: Ich HABE ein Logo auf meinen Büchern.

Etienne: Du weißt, was ich meine. Ein Verlagslogo ist ein Verlagslogo. Du könntest es haben. Du bist bloß zu stolz, dich zu bewerben.

Alizée: Man „bewirbt“ sich nicht einfach für einen Verlagsvertrag. Es gibt zu viel Konkurrenz mit besseren Kontakten.

Etienne: Dann nutze wenigstens die Kontakte, die du hast.

Alizée: —

Etienne: In fünf Jahren möchte ich immer noch an der Seite von Vika sein. In einem Buch sein mit Logo von Rowohlt, Bastei Lübbe, Heyne oder Diana.

Alizée: Und in 10 Jahren?

Etienne: An Vikas Seite. Auf der Kinoleinwand. Dargestellt von einem echten Rollstuhlfahrer. Er braucht auch nicht so gut auszusehen wie ich. Aber er muss „echt“ sein. Kein Fußgänger, der im Rollstuhl durch die Fußgängerzone eiert, um „ein Gefühl für die Rolle“ zu kriegen.

Alizée: Klar. Und ich ändere meinen Namen in Jojo Moyes.

Etienne: Es ist erlaubt zu träumen.

Alizée: Das ist es. Danke, dass du mitgemacht hast. Entschuldige, dass ich nur eine Selfpublisherin mit kleiner Reichweite und begrenzten Möglichkeiten bin.

Etienne: Deine Fähigkeiten sind begrenzt, DAS ist dein Problem. Aber du kannst dazulernen.

Alizée: Das versuche ich. Für dich. Für euch. Für mich.

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