Litcamp18: Schreiben über Menschen mit Behinderung

 In Allgemein

Mitte Juni war ich seit langem mal wieder in Heidelberg.
Wie viele von euch wissen, habe ich in Heidelberg studiert. Später hatte ich meinen ersten Vollzeitjob als Journalistin in Heidelberg. Mein Mann ist ein gebürtiger Heidelberger. Mein Roman „Dein Weg, meine Liebe“ spielt in Heidelberg.
Heidelberg hat als Stadt einen Platz in meinem Herzen.
So viele Erinnerungen und wertvolle Erfahrungen durfte ich dort machen.
Und jetzt ist noch eine spannende Erfahrung hinzugekommen.

Litcamp18 in Heidelberg

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich an einem Barcamp teilgenommen.
In den Wochen, ja, Monaten zuvor hatte ich schon auf Twitter gesehen, wie sich viele Autorinnen und  Autoren, Blogger und Bloggerinnen mit dem Hashtag #litcamp18 vernetzten und ihre Vorfreude auf das zweieinhalbtägige Event teilten. In Echtzeit konnte ich zusehen, wie die Tickets verkauft wurden. Meine eigene Teilnahme schien aufgrund der derzeit schwierigen Familiensituation illusorisch.

Unmögliches wird möglich

Erst eine Woche vor dem Start des Litcamp18 erreichte uns plötzlich die Nachricht, dass mein Mann am Donnerstag vor dem Litcamp18 eine Reha antreten würde. Der Blick in den Kalender verriet außerdem, dass unsere Tochter in dieser Zeit mit der Schule auf Schüleraustausch nach Frankreich reisen würde. In meinem Kopf drehten die Zahnrädchen immer schneller. Das hieß dann ja, dass … ich an besagtem Wochenende allein war! Obwohl: nicht ganz. Drei Meerschweinchen würden nicht allein zu Hause bleiben können. Die familieninterne Organisation lief auf Hochtouren. Einkäufe für die Reha, Packen für Frankreich, Suche nach Meerschweinchenpflegern, Suche nach einem Litcamp18-Ticket über Social Media.

Ticket? Geschenkt!

Erstaunlich viele Menschen nahmen auf Twitter Anteil an meiner Reiseplanung. Oder vielmehr: Anteil an dem Chaos, das anstelle von wirklicher Planung bei mir herrschte. Aus verschiedenen Ecken kamen Hinweise, wer möglicherweise ein Ticket abzugeben hätte. Schließlich erhielt ich mein Litcamp18-Ticket von der Betreiberin des Buchblogs Valaraucos Buchstabenmeer – und zwar geschenkt!
Das war schon gleich eine tolle Einstimmung auf den Geist, der auf dem Litcamp18 herrschte: Be excellent to each other!

Sessions und Networking

Das Wochenende war so sozial-intensiv wie lange nicht mehr. Ich habe neun Sessions besucht (angesichts des Programms, das bis weit in den Samstagabend hineinreichte) und viele, viele Gespräche geführt. Einen Überblick über die spannendsten Sessions spare ich mir an dieser Stelle, weil es dazu schon so viele tolle Blogbeiträge gibt. Unter anderem hat Isabel auf ihrem Blog Seitenwandler.de eine wunderbare Zusammenfassung geschrieben. Isabel und ich stießen am frühen Samstagabend zusammen, als wir beide eigentlich schon fix und übervoll mit Eindrücken waren. Ratlos gestanden wir einander, dass wir überlegten, die Night Sessions zu knicken und stattdessen in der Heidelberger Altstadt Essen zu gehen.

Roman-Schauplätze re-visited: Villa Lounge und Max-Bar

Zufällig stellte sich heraus, dass wir beide in den 90ern in Heidelberg studiert haben. Spontan verabredeten wir uns zu einem Altstadtbummel und schwelgten in Erinnerungen. Es war ein sehr schöner Abend, in dessen Verlauf wir gleich zwei Schauplätze aus „Dein Weg, meine Liebe“ besuchten. Wir aßen in der Villa Lounge und ließen den Abend in der Max-Bar auf dem Marktplatz ausklingen.

Session mit Mela Eckenfels

Am Sonntag ging es weiter mit interessanten Sessions und auch speziell mit der, über die ich hier eigentlich schreiben wollte (bevor ich allgemein zum Litcamp18 abschweifte!): nämlich die Session von Mela Eckenfels. Darin ging es um das Schreiben über Menschen mit Behinderung. Allzu häufig transportieren Autorinnen und Autoren nämlich Klischees – sogar dann, wenn sie meinen, für Diversität einzutreten, indem sie überhaupt Figuren schaffen, die sich mit einer Behinderung durch ihren Roman bewegen. Tatsächlich lebten in Deutschland im Jahr 2013 etwa 10,2 Mio Menschen mit Behinderung. 7,5 Mio galten als schwerbehindert. Das bedeutet nach Adam Riese: Etwa jede*r Elfte von uns hat eine Behinderung, sichtbar oder unsichtbar.
Reflektieren die deutschsprachigen Belletristik-Autorinnen und -Autoren diese Realität?
Hm.

Modelle von Behinderung

In Melas Session stellte sie uns zwei Modelle von Behinderung vor, die unsere Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung, bewusst oder unbewusst, prägen:

Das medizinische Modell

Da ist zunächst einmal die medizinische Sicht auf Behinderung. Demnach wird eine Behinderung in erster Linie als ein Makel, eine Abweichung von der Normalität, verstanden. Das Problem „Behinderung“ ist das Problem des/der Betroffenen. Wenn ein Querschnittgelähmter wie mein Protagonist Etienne Jeancour, eine Etagenwohnung nicht erreichen kann, ist der Grund dafür die Tatsache, dass er eben keine Treppen steigen kann (nicht etwa das Fehlen eines Aufzugs). Die Gesellschaft stellt gewisse „Errungenschaften“ bereit, um die Behinderung zu beheben. Chirurgie, Therapie, Hilfsmittel dienen dazu, die Behinderung möglichst zum Verschwinden zu bringen oder so weit unsichtbar zu machen, dass der Mensch als möglichst „normal“ wahrgenommen wird. Kinder, die mit Behinderung geboren werden, werden maximal therapiert, um der „Norm“ möglichst gut zu entsprechen. Ist die Überwindung der Behinderung nicht möglich, greift der Wohlfahrtsgedanke: Als Gesellschaft müssen wir uns um die armen Behinderten kümmern. Indem wir zum Beispiel Wohnheime und Werkstätten für sie schaffen, in denen sie mit anderen Behinderten leben können.

Das medizinische Modell in der Literatur

Diese Sichtweise hat Konsequenzen auch für die Kunst, zu der ich die Belletristik zähle.
So kann zum Beispiel ein Happy End nur zustande kommen, wenn der behinderte Protagonist oder die behinderte Protagonistin ihre Behinderung überwindet. Spielt die behinderte Figur eine Nebenrolle, muss sie nicht zwingend geheilt werden, denn sie kann als Beispiel dienen, wie hart das Schicksal sein kann und welches Glück die Protagonisten haben.

Als Beispiel für die perfekte Umsetzung des medizinischen Modells in der Kunst (in diesem Fall im Film) fällt mir die ZDF-Weihnachtsserie „Anna“ aus dem Jahr 1987 ein.
Anna ist Ballett-Tänzerin und nach einem Unfall gelähmt. In der Reha lernt sie den querschnittgelähmten Rainer kennen. Anna überwindet ihre Lähmung durch intensive Therapie und kann wieder tanzen. Weil Rainer sie in schweren Zeiten aufgemuntert hat, bleibt sie ihm, der aufgrund seiner Querschnittlähmung noch bei seiner Mutter wohnt und hinter seiner fröhlichen Fassade eigentlich recht traurig und lebensmüde ist, zugewandt. Die Sympathie für Anna wächst, weil sie „trotz Rainers Behinderung“ zu ihm hält.

Diese Art von Geschichten hat in den 90er Jahren dazu geführt, dass in mir der Wunsch erwachte, einmal eine Geschichte zu schreiben, bei der behinderte Protagonist nicht geheilt wird. Mir wurde gesagt, so etwas würde sich nicht verkaufen und ausschließlich von Behinderten und ihren Angehörigen gelesen.

Das soziale Modell von Behinderung

Die soziale Sicht auf Behinderung hat ihren Ursprung in den  60er Jahren. Im Zuge der Bürger- und Menschenrechtsbewegungen wurde Behinderung als gesellschaftliches, nicht als individuelles, Problem definiert. Menschen mit Beeinträchtigungen sind nicht behindert, sie werden behindert. Wenn Etienne Jeancour eine Etagenwohnung nicht erreichen kann, sind nicht seine gelähmten Beine das Problem, sondern die Architektur des Hauses. Ganz im Sinne der Gleichstellung aller Menschen sollte die Gesellschaft Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen nicht behindern, sondern Rahmenbedingungen schaffen, die ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen.

Natürlich dürfen Menschen mit Beeinträchtigung auch im sozialen Modell therapiert werden. Allerdings ist das Ziel der Therapie nicht die (Wieder-)Herstellung eines „Normalzustands“. Stattdessen geht es darum, einen Zustand zu erreichen, der gesellschaftliche Teilhabe am besten ermöglicht. Das bedeutet, dass zum Beispiel eine inkomplett Querschnittgelähmte nicht immer wieder die beschwerliche und gesundheitsschädliche Fortbewegung an Gehilfen üben muss, sondern Rollstuhltraining und einen angemessenen Rollstuhl erhält.

Das soziale Modell in der Literatur

Mein Eindruck ist, dass diese Sichtweise erst ansatzweise in unserer Realität angekommen ist. Rollstuhlfahrenden Mitmenschen wird immer wieder die Teilhabe verwehrt – durch bauliche Barrieren in der Umwelt, aber allzu oft auch mit dem Hinweis auf Sicherheitsbestimmungen. (Natürlich haben auch Menschen mit anderen Behinderungen mit mangelnder Barrierefreiheit zu kämpfen. Ich konzentriere mich hier aber auf die querschnittgelähmten Rollstuhlfahrer*innen, weil ich mich mit ihren Schwierigkeiten im Zuge der Recherchen zu „Dein Weg, meine Liebe“ am intensivsten beschäftigt habe.)

Ein Buch oder ein Film, in dem konsequent die soziale Sichtweise auf Behinderung am Beispiel einer querschnittgelähmten Figur vermittelt wird, ist mir nicht bekannt. (Ich lasse mich gern eines Besseren belehren.) Allerdings hat sich durch das soziale Modell bewusst oder unbewusst doch etwas bewegt: Menschen mit Behinderung müssen nicht geheilt oder bemitleidet werden! Für die Literatur heißt das: Querschnittgelähmte dürfen querschnittgelähmt bleiben – und es kann trotzdem ein Happy End geben!

Liebesromane mit querschnittgelähmten Protagonisten

Eine Leseliste mit Rollifahrern in Romanzen habe ich hier angelegt. Sie ist sicherlich nicht vollständig, aber wer sich einen Überblick verschaffen möchte, wie in den vergangenen Jahren über querschnittgelähmte Protagonisten in Liebesromanen geschrieben wurde, kann sich hier ein Bild machen:
Leseliste Rollifahrer in Romanzen

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