»Friday for Friendship« (Kurzgeschichte)

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Diese Kurzgeschichte entstand im März 2021 im Rahmen einer Ausschreibung. Deren Ziel war es, Unterrichtsmaterialien für den Deutschunterricht der 8./9. Klasse zu entwickeln. Dafür waren Autorinnen und Autoren aufgerufen, Kurzgeschichten zu verschiedenen Themen in unterschiedlicher sprachlicher Komplexität zu verfassen, in denen beispielsweise Figuren mit Behinderung abseits der üblichen Klischees dargestellt werden.

»Friday for Friendship« schaffte es nicht in die finale Auswahl. Ich möchte die Kurzgeschichte dennoch hier mit meinen Leserinnen und Lesern teilen, denn ähnlich wie »Sonnenblumensonntag« ist sie mir vom Gefühl her gerade sehr nah. Auch wenn meine Lebenswelt natürlich eine andere ist als die von Julia.

Friday for Friendship

Julia öffnete die schweren Holztüren des Kleiderschranks. Sofort umfing sie der geliebte Geruch. Tief sog sie ihn ein und ließ ihre Fingerspitzen über die Garderobe gleiten. Sie zog ein Kleid mit tiefem Ausschnitt hervor. Darunter würde sie einen Rollkragenpullover tragen und den überschüssigen Stoff mit einem Gürtel zusammenhalten.

In der Küche roch es nach Kaffee und frischem Toast.

»Erd oder Him?«, fragte Anne.

»Was ist mit Brom?«

»Ist alle.«

Julia seufzte. »Dann Him.«

Sie nahm am Küchentresen Platz, auf dem Anne Teller, Toast, Messer und Marmeladenglas abstellte und spürte dem Vibrationsstakkato ihres Handys nach, das im Sekundentakt Kurznachrichten empfing. Bestimmt Murats Gutenmorgengruß und die tägliche Frage, welchen Bus sie nehmen würde. Sie grinste.

*

An der Bushaltestelle verabschiedete sie sich von Anne. Diese drückte Julia einen Kuss an die Schläfe, dann klapperten ihre hohen Absätze eilig zurück zum Auto. So viel dazu, der Umweg mache keinen Unterschied. Seufzend schob Julia sich einen Kopfhörer in die linke Ohrmuschel und setzte das Hörbuch fort. Judith Hermann, »Sommerhaus, später«. Von der Autorin selbst gelesen. Sie hätte es gestern beenden sollen, aber der Chat mit Murat war interessanter gewesen. (Was, wenn alle Menschen um uns herum nur ausgedacht und wir als Einzige echt sind? Was, wenn wir die Ausgedachten sind? Hilfe!) Zum Glück konnte Judith Hermann auf Knopfdruck auch schneller lesen. Sie klang nun zwar wie Melinda aus Animal Crossing, aber dank ihrer Superkraft konnte Julia sie immer noch perfekt verstehen.

Im Bus setzte sie sich auf ihren Stammplatz über dem linken Hinterrad. Leicht erhöht. Angeblich gut zu sehen von hinten, wo sich Murat und die coolen Jungs jeden Morgen zu den Lassmann-Zwillingen auf die Rückbank quetschten. Julia spürte den warmen Mief der Lüftung auf ihrer Haut und Murats entferntes Lachen darunter.

Fünf Haltestellen später stiegen die Tussis von der Unser-Abschluss-ist-mehr-wert-als-eurer-Schule ein. Parfümierte Hälse, deobesprühte Achseln, duftshampoonierte Mähnen. Eine Drogerie auf sechs Beinen.

»Morgen zu Fridays for Future, oder?«, tönte eine, deren quäkende Stimme Judith-Melinda in Julias Kopfhörer Konkurrenz machte. »Meine Mutter fährt uns. Wir gehen zur Demo und danach zu Starbucks. Das Plakat ist mega. Wenn wir es damit bis zur Bühne schaffen, kommen wir auf jeden Fall ins Fernsehen!«

Julia spürte, wie die Wut aus ihrem Bauch hochstieg, durch ihren Hals hinaufschoss und sich ihrer Zunge bemächtigte. Was gab der hochfrequenten Hohlhippe das Recht, Klimaschutz in den Dienst ihres Li-La-Laune-Lifestyles zu stellen?

»Dir wird bestimmt eine Sondersendung gewidmet: ‹Verpeilt oder verlogen? Verstand von GenZ-Aktivistin hat mehr Defizite als das Klima‹. Mit der Co2-Schleuder auf einen Caramel Macchiato im Einwegbecher zur Klimademo. Mannomann … «

Für einen Moment wurde es still. Julia konnte hören, wie der Bus blinkte und sich einer der Jungs von der Rückbank räusperte. Murat?

»Du bist ja bloß zu feige zum Schwänzen.« Nicht die Quäkstimme, sondern eine ihrer Freundinnen. Sollten sie sich doch in der Überzahl wähnen. Julia fühlte sich sicher.

»Pah. Ich tue mehr für den Planeten als Plakate hochhalten.«

»Klar. Klamotten containern für weniger Müll. Vielleicht solltest du wenigstens was in deiner Größe suchen.«

Julia verkrampfte sich. Die Mädchen lachten. Sie hörte es kaum. Auch Judith-Melinda vernahm sie nicht mehr. Nur ihr eigener dumpfer, immer schneller rasender Herzschlag erfüllte ihre Ohren. Panik umschloss ihre Kehle. Sie musste weg hier. Hastig stand sie auf, rempelte jemanden an, griff nach der Haltestange neben der Tür, und begann zu zählen. Bei sechs stand Murat neben ihr.

»Hey, Jules. Was stinkt dir?«

»Langhaarmädchenkokosölshampoo. Echt zum Kotzen.«

Er lachte und Julia spürte eine plötzliche Wärme dort, wo sich ihre Oberarme berührten.

*

Der halbe Schultag verging ohne besondere Vorkommnisse. Nach dem Mittagessen setzte sich Julia in den Pausenhof, um das Hörbuch zu beenden. Danach stieß sie auf dem Weg zum Musikraum auf einen jungen Schüler, der schluchzend an einer verschlossenen Tür rüttelte. Er hatte die Orientierung verloren und Panik bekommen. Julia führte ihn zurück in die Halle, ließ ihn mit dem Stock den Treppenaufgang finden und begleitete ihn Schritte zählend bis zu seinem Klassenzimmer.

Deshalb war sie noch hier, dachte sie. Weil sie sich hier auskannte. In der Schule. Auf dem Schulweg. Zu Hause. Deshalb hatte ihre Schwester nach dem Tod ihrer Mutter ihr WG-Zimmer aufgegeben und war zurück in die Wohnung gezogen. Den Neuanfang in Berlin hatte ihr Vater allein gemacht. Julia hätte mitgehen sollen. Aber ihre Tante hatte ihrem Vater den Kopf gewaschen. Nach einem so schweren Verlust sei ein Umzug einem jungen Mädchen in ihrer Situation nicht zuzumuten. Julia brauchte Orientierung. Bekannte Wege, vertraute Menschen. Die Worte hatten wehgetan. Aber Julia hatte geschwiegen. Ein Teil von ihr war froh gewesen, dass sie nicht umziehen musste. Dass ihr der Kleiderschrank ihrer Mutter geblieben war. Ihr Geruch. Ein anderer fühlte sich um den Neuanfang betrogen.

In der Nachhaltigkeits-AG präsentierte Julia das neue Abfallkonzept für die Schule. Unterschiedliche Mülltonnen für Papier, Verpackungen und Restmüll. Zentrale Sammelbehälter für Batterien. Eigene Sammelstelle für kleinen Elektroschrott, damit alte Handys und Playstations nicht im Hausmüll landeten. Die Schulleiterin war beeindruckt und bedankte sich herzlich für die gute Arbeit der Gruppe. Zufrieden packte Julia ihre Sachen und lief zur Bushaltestelle.

Jede einzelne Maßnahme ihrer Schule würde dem Klima mehr helfen als ein in die Kamera gehaltenes Plakat. Obwohl Julia schon gern mal bei so einer Demonstration dabei wäre. Wenigstens einmal. Aber Menschenmassen waren nicht ihr Ding, und Anne würde ihr ganz bestimmt nicht beim Schwänzen assistieren. Auch nicht ausnahmsweise.

Im Bus chillte sie mit leiser Musik, als sich plötzlich jemand auf den Sitz neben ihr fallen ließ.

»Schon krass, dass du mein Shampoo am Geruch erkannt hast.«

Julia wandte brüsk den Kopf ab. »Ja, voll krass. Warum gehst du nicht Cartoons synchronisieren, statt mich hier vollzulabern?«

»Hey. Ich wollte dir sagen, dass du Recht hattest. Es muss total seltsam rübergekommen sein, wie ich über die Demo gesprochen habe. Aber ich wollte unbedingt, dass die anderen mitkommen, weißt du? Und vielleicht würde es ja was auslösen in ihnen. Keine Ahnung. War nur so ein Versuch.«

Die Quäkstimme klang gar nicht mehr so penetrant.

»Hat es funktioniert?«

»Weiß nicht. Vielleicht fürchten sie, dass sie dort aggressive Klimaaktivistinnen treffen, die ihre Plakate nicht würdigen.« Sie hatte ein freundliches Lachen.

Julia runzelte die Stirn. »Aggressive Klimaaktivistinnen in schlechtsitzenden Outfits?«

Die andere lachte wieder. »Hier! Fass mal meinen Ärmel an.«

Julia zuckte zusammen, als das Mädchen ihren Arm auf ihre Hand fallen ließ. Aber sie streckte ihre Finger aus – und fällte ihr Urteil.

»Kleidercontainer?«

Wieder Lachen. »Alte Sachen von mir. Ich schneide sie auseinander und nähe was Neues draus.«

»Cool.«

»Ich heiße übrigens Akua.« Sie drückte ihre Hand und neben Langhaarmädchenkokosölshampoo erschnupperte Julia noch etwas anderes. Den Hauch eines Anfangs.

»Ich bin Julia.« Sie holte tief Luft. »Und wir könnten uns abwechseln. Beim Plakathochhalten.«

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Kurzgeschichte "Sonnenblumensonntag"